Japanische Köchin aus Leidenschaft: Kaoru Iriyama in der Küche.

In the Mood for Sakura

Ein Gespräch mit der japanischen Köchin Kaoru Iriyama über die Kirschblüte.

Kaoru Iriyama ist eine leidenschaftliche japanische Köchin und lebt in Berlin. Nach ihrem Studium der Politikwissenschaften an der HU wechselte sie ihre Berufung und ließ sich in Tokio zur Köchin ausbilden. Seitdem gibt sie als Botschafterin die Seele der japanischen Küche in Europa weiter, liebt Sakura, leitet Kochkurse, berät Restaurants, kocht bei privaten Veranstaltungen und präsentiert japanische Unternehmen und Produkte auf Messen und Events.

Vor ein paar Jahren habe ich Kaoru bei einem Bento-Kochkurs kennengelernt und bin seitdem mit ihr in Kontakt geblieben. So habe ich auch gesehen, wie verzückt sie im letzten Jahr von der Kirschblüte in Tokio berichtet hatte und über ihre Probleme, diese zu erklären.

Die Blüten der japanischen Somei-yoshino Kirsche haben fünf zarte Blütenblätte und sind nicht gefüllt.
Die Blüten der japanischen Somei-yoshino Kirsche haben fünf zarte Blütenblätte und sind nicht gefüllt.

Für meine Sakura-Themenreihe habe ich sie gebeten, mir aus ihrer Sicht die Bedeutung und Faszination der Kirschblüte zu beschreiben. Wir haben uns in meiner Küche getroffen und einen Nachmittag lang über ihre Erfahrungen, meine Fragen und gemeinsame Ideen unterhalten. Vielen Dank für Deine Hilfe, Kaoru!

Katja: Die Kirschblüte wird in Japan mit Begeisterung gefeiert. Bei uns in Deutschland ist sie weniger bekannt. Wann genau wird gefeiert?

Kaoru: Die Jahreszeiten sind in Japan wesentlich klarer unterteilt, als in Deutschland. Der Winter dauert in Berlin gefühlte sechs Monate, dann regnet es und schon folgt der Sommer. In Japan hingegen ist der Winter milder, der Frühling fängt im März an und geht bis Mai. Die japanische Küche folgt den Jahreszeiten, ebenso die Tischdekoration. Im Januar startet die Pflaumenblüte, im März die Pfirsichblüte und Ende März bis Anfang April dann die Kirschblüte. Gefeiert wird vom Ende der vorherigen Saison bis zum Tag der vollen Blüte.

Die Abfolge ist klar und verlässlich. Nicht jedoch der genaue Termin, der vollen Kirschblüte. Im Fernsehen verfolgen die Japaner daher einen speziellen Kirschblüten-Wetterbericht, der den Öffnungsgrad der Blüten für die nächsten Tage voraussagt. Das ist wichtig, um den kurzen Zeitpunkt für den „besten Moment“ abzupassen. Die Kirschblüte ist nicht nur kurz, sondern auch sehr wetterabhängig. Ein kurzer Regenschauer oder Wind, und die ganze Pracht liegt am Boden. Die fünf Blütenblätter der japanischen Kirsche sind sehr empfindlich. Bereits bei einem Öffnungsgrad von 80% fangen die Blütenblätter an zu rieseln. Das sieht wunderschön aus!

Katja: Was bedeutet Sakura für Dich? Wie würdest Du das Frühlingsfest beschreiben?

Die Blütenblätter der japanischen Somei-yoshino Kirsche sind sehr empfindlich und blühen nur kurz. Ein Regenschauer oder Wind und die ganze Pracht liegt auf dem Boden.
Die Blüten der japanischen Sakura-Kirsche sind sehr empfindlich und kurzlebig.

Kaoru: Die Kirschblüte spiegelt die Vergänglichkeit wieder. Ein rosa-weißer Blütentraum, der zeigt, dass Schönheit nicht ewig ist, sondern vergänglich. Japaner regen sich nicht auf, wenn die Blüte durch Regen zerstört wird. Sie bleiben gelassen, alles andere wäre gegen die Natur. Die Vergänglichkeit gehört dazu.

Katja: Und wie wird Sakura gefeiert?

Kaoru: Auf jeden Fall mit einem Picknick. Und mit japanischen Süßigkeiten sowie Tee. Sakura ist auch  eine Zeit des Neuanfangs. Das neue Schuljahr und viele Arbeitsverträge beginnen am 1. April. Die Neulinge müssen dann als erste Aufgabe einen Picknickplatz für die Kollegen im Park freihalten. Hierzu besetzen sie bereits ab mittags einen Bereich mit Decken oder Planen, den sie verteidigen müssen. Wer das nicht schafft, hat auch kein Durchsetzungsvermögen bei der Arbeit.

Abends kommen dann die Kollegen. Unter den angestrahlten Bäumen werden Bento und Süßigkeiten verspeist und viel Alkohol getrunken. Die friedliche Atmosphäre und durch die Blütenblätter gedämpfte Akustik des Tages weicht dann lauter Musik. Sakura kann man in der Stille bewundern, oder mit einer lauten Party feiern. Beides ist möglich. Die meisten Familien feiern jedoch Hanami in Form eines Picknicks, ohne Musik und Alkohol. Immer dabei ist jedoch ein leckeres Essen in Form von Bento-Boxen.

Zur Kirschblüte werden Bentoboxen zubereitet und mit eingelegtem Gemüse in Form von Kirschblüten dekoriert.
Hanami-Bentoboxen werden mit Gemüse in Form von Kirschblüten dekoriert.

Katja: Was genau wird zu Sakura gegessen – oder heißt es Hanami?

Kaoru: Sakura ist der botanische Name für die Kirsche, Hanami ist das Fest – wörtlich übersetzt „Kirschblüten schauen“ und wird mit Picknick im Park unter den Kirschblüten verbunden. In den Parks gibt es dann auch viele Essensstände. Es duftet herrlich nach gegrillten Yakitori, süße Hanami-Dango werden angeboten, Eiscreme und O-Hanami-Bento. Die Boxen werden kunstvoll mit eingelegtem Gemüse in Kirschblütenform dekoriert, hierfür gibt es extra kleine Ausstechformen.

Katja: Wie riechen und schmecken Kirschblüten?

Kaoru: Kirschblüten haben keinen Geruch und tragen keine Früchte. Es gibt jedoch in Salz eingelegte Blüten und Blätter. Erst durch den Fermentationsprozess erhalten diese ihr typisches Aroma. Dieses ist leicht blumig, aber schwer zu beschreiben.

Katja: Wie hast du deinem Sohn die Faszination der Japaner für die Kirschblüte erklärt?

Das Herz der japanischen Köchin Kaoru Iriyama schlägt für die Kirschblüte.
Das Herz der japanischen Köchin Kaoru Iriyama schlägt für die Kirschblüte.

Kaoru: Wir waren im letzten Jahr zur Kirschblütenzeit in Tokio. Genau am letzten Tag vor unserer Rückreise war die Kirschblüte am schönsten. Wir sind mit meinen Eltern in den Park gegangen und waren überglücklich. Mein Sohn konnte diese Faszination nicht ganz teilen, aber er hat sich über unsere Begeisterung und das Streetfood gefreut.

Katja: Kann man Sakura auch in Berlin feiern?

Kaoru: Leider nicht so wie in Japan. Die Kirschen sind ganz anders. Die Blüten sind gefüllt und viel stabiler, sie fallen nicht so leicht ab und blühen länger. Dadurch ist das Gefühl komplett anders. Ich empfinde jedoch großes Heimweh, sobald ich ein schönes Sakurabild sehe.

Katja: Feierst du trotzdem Sakura in Berlin?

Kaoru: Das schon. Aber ich besuche nicht das Baumblütenfest in Werder. Das ist eher ein Trinkfest. Je nachdem mit wem ich feiere, bereite ich ein Essen oder Bentoboxen vor. Dennoch es ist nicht das gleiche Gefühl wie in Japan. Die Kirschblüte hier ist auch schön, aber viel robuster. Sie berührt daher meine Seele nicht auf die gleiche Weise.

Katja: Wie unterscheidet sich Sakura vom Osterfest?

Kaoru: Ostern ist ein fest definierter Termin mir religiöser Bedeutung und in Japan unbekannt. Hanami hingegen ist ein Naturphänomen und der Termin witterungsbedingt verschieden. In Japan gibt es auch keinen Osterhasen. Der Hase steht für das Vollmondfest im September. Wenn ich im Frühling einen Koffer voll Schoko-Osterhasen mit nach Japan mitbringe, führt das zu leichter Verwirrung. Meine Verwandten und Freunde lieben jedoch die deutsche Schokolade und freuen sich sehr.

Weitere Informationen zu Kaoru Iriyama, ihren Projekten und Kursen sind auf ihrer Website: www.kaoru-iriyama.com

Japanische Köchin aus Leidenschaft: Kaoru Iriyama in der Küche.
Köchin aus Leidenschaft: Kaoru Iriyama

Copyrights:
Großes Portraitfoto: Hiroshi Toyoda
Kleines Foto unter den Kirschblüten: Kaoru Iriyama

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